In USA und Mexiko bereits im Einsatz – jetzt erstmals auch in Europa
Bereits im Jahre 2020 hat die Integrierte Leitstelle Freiburg bundesweit
Furore gemacht. Damals wurde hier AML (Advanced Mobile Location)
entwickelt, eine Technik, die bei Notrufen automatisch die Ortungsfunktion
des Smartphones aktiviert und die GPS-Daten an die nächste Leitstelle
schickt, um den Notruf ohne Zeitverlust orten zu können. AML ist inzwischen
in ganz Deutschland im Einsatz.
Nun steht die nächste technische Innovation im Rettungswesen an, wieder
unter Freiburger Federführung. Henning Schmidtpott vom örtlichen Amt für
Brand- und Katastrophenschutz (ABK) hat gemeinsam mit Google die
Anwendung „Live-Video“ entwickelt. Ihre Aufgabe: bei Notrufen die
Entscheidungswege verkürzen und damit die Rettung von Menschenleben
erheblich beschleunigen. In ausgewählten Regionen in den USA und Mexiko
wird Live-Video bereits genutzt. In Europa ist die ILS Freiburg die erste
Leitstelle, die die neue Anwendung offiziell einsetzt.
Was es mit Live-Video auf sich hat, haben Oberbürgermeister Martin Horn,
Feuerwehrdezernent Stefan Breiter, ABK-Leiter Christian Emrich und
Systemadministrator Henning Schmidtpott heute auf einem Pressetermin in
der Leitstelle erläutert. Emrich ist auch Geschäftsführer der ILS für die Stadt
Freiburg; Mit von der Partie waren seine Kollegen in der Geschäftsführung:
Mike Hengstler, Kreisbrandmeister von Breisgau-Hochschwarzwald, und
Jochen Hilpert, Vorstand des DRK-Kreisverbands und Vorsitzender des
Bereichsausschusses für den Rettungsdienst Stadt Freiburg/Landkreis
Breisgau-Hochschwarzwald.
Oberbürgermeister Horn sagte: „In Notfällen zählt jede Sekunde. Wenn die
Kolleginnen und Kollegen in der Integrierten Leitstelle per Live-Video dieLage
vor Ort sofort erfassen können, dann kann das Leben retten. Statt
lange Gespräche zu führen, können sie sofort die richtigen Maßnahmen
einleiten und schnell die passenden Einsatzkräfte alarmieren. Dass unser
Amt für Brand- und Katastrophenschutz zu dieser neuen Anwendung einen
entscheidenden Beitrag geleistet hat, freut mich besonders. Danke dafür!“
Bürgermeister Breiter ergänzte: „Stillstand gibt es bei der Feuerwehr nicht.
Technische Entwicklungen werden nicht nur aufgenommen, sondern
konsequent weiterentwickelt. Hier liegen die Kernkompetenzen der
Feuerwehr Freiburg. Dank und Anerkennung möchte ich unserem Mitarbeiter
Henning Schmidtpott für diese Pionierarbeit aussprechen.“
ABK-Leiter und ILS-Geschäftsführer Emrich erläuterte den Hintergrund, vor
dem Live-Video entstanden ist: „Bei Notrufen stehen die Disponenten vor
einer großen Herausforderung. Innerhalb von Sekunden müssen sie am
Telefon eine Notfallsituation richtig einschätzen und den Notrufenden
schnellstmöglich die passende, qualitativ beste Hilfe zukommen lassen.“
Bislang sei dies nur durch die Fragen der Disponenten und die
Beschreibungen der Notrufenden möglich gewesen, so Emrich: „Dank Live-
Video kann die Leitstelle jetzt auch Bilder aus der Smartphone-Kamera der
Notrufenden in ihre Entscheidung mit einbeziehen.“ Zum besseren
Verständnis beschrieb Systemadministrator Schmidtpott beispielhaft zwei
Szenarien, in denen Live-Video helfen kann:
Szenario 1, Gebäudebrand: Der Leitstelle wird gemeldet, dass aus einem
Fenster schwarzer Rauch aufsteigt. Wenn die Person, die den Notruf absetzt,
Live-Video einschaltet, kann die Leitstelle erkennen, dass mehrere Personen
auf einem Balkon des Gebäudes stehen und nur mit einer Drehleiter zu
retten sind. Entsprechend kann die Leitstelle zusätzliche Rettungsmittel an
die Einsatzstelle senden und/oder das Alarmstichwort erhöhen.
Szenario 2, Reanimation: Gemeldet wird ein Herz-Kreislauf-Stillstand. Die
Leitstelle unterstützt den Notrufenden telefonisch bei der Wiederbelebung,
bis der Rettungsdienst eintrifft. Durch die Nutzung von Live-Video kann sie
sehen, ob der Ersthelfer ihre Erste-Hilfe-Anweisungen korrekt und effizient
umsetzt. Falls nötig, kann die Leitstelle korrigierend eingreifen.
Henning Schmidtpott verwies darauf, dass die Nutzung von Videos der
Smartphone-Kameras beim Notruf keine neue Erfindung sei. Bislang war die
Handhabung aber umständlich: Die Leitstelle musste den Notrufenden eine
SMS senden, die einen Link zu einer Webseite enthielt. Diese Webseite griff
auf die Smartphone-Kamera zu und übertrug das Bild an die Leitstelle. Der
Notrufende musste also die SMS öffnen, den Link anklicken und der
Webseite erlauben, auf die Kamera zuzugreifen; erst dann wurde das Video
übermittelt. Dieser komplexe Prozess ist bisher oft gescheitert.
Neu ist nun: Die Leitstelle fordert beim Notrufenden das Videobild an. Auf
dem Smartphone erscheint eine Frage, ob der Nutzer der Videoübertragung
2zustimmt, und schon wird das Bild übertragen. Nur noch eine Interaktion ist
also nötig – ein Riesen-Vorteil in einer stressigen Notfallsituation.
Die neue Technik ist ab sofort auf allen Android-Geräten nutzbar; es muss
keine App installiert werden, es ist keine Änderung an den Einstellungen
notwendig. Wann auch iPhones die Technik unterstützen, ist noch unklar.
Zur Person: Henning Schmidtpott arbeitet seit ihrer Inbetriebnahme 2011 in
der Integrierten Leitstelle (davor auf der alten Rettungsleitstelle), anfangs
als Disponent. Zudem war er für die ILS-Technik zuständig. Berufsbegleitend
hat er ein Master-Studium in Wirtschaftsinformatik an der Fern-Uni Hagen
abgeschlossen. Seither kümmert er sich Vollzeit um die IT der Leitstelle.