Big Brother im vernetzten Krankenhaus?

Wird jetzt die Würde des Menschen durch die Digitalisierung antastbar?

Nicht alles, was machbar ist, darf auch gemacht werden. Zwar gibt es viel zu wenig Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen, dennoch darf dieser miserable Zustand nicht als Rechtfertigung für eine ständige Überwachung von Patienten und alten Menschen dienen. Hinzu kommt noch, dass es eine wirklich sichere Datenübertragung nicht gibt und wahrscheinlich auch nicht geben wird. Die neuesten Häckerangriffe haben das sehr deutlich gemacht. Es muss daher sehr genau überlegt werden, welche Art von Überwachung wirklich notwendig ist, um Patienten einen besseren Schutz zu bieten. Je mehr Technik zum Einsatz kommt, desto geringer fällt der Kontakt zu anderen Menschen aus. Bevor Sie für Ihre Angehörigen entscheiden, empfehlen wir Ihnen das Buch „Einsamkeit“ von Manfred Spitzer zu lesen.

Jetzt folgt ein sogenannten Autorenbeitrag (PM), den wir hier gerne zur Diskussion stellen wollen.

Überwachung verbessert Versorgung

Patienten mit dem Tablet überwachenImmer mehr Technologien ziehen in den Gesundheitsbereich ein: von der Telemedizin über intelligente Betten bis hin zu Patientenakten in der Cloud. Diesen Fortschritt begünstigen Big Data, Internet of Things und die Telematik. Digitalisierung verspricht Effizienzsteigerung bei mehr Flexibilität und Kostensenkung. Mit dem Einzug neuer Technologien in die Gesundheitsbranche geht meist die kontinuierliche elektronische Dokumentation des Patientenzustandes einher. Das Ziel: die Versorgung grundlegend zu verbessern und Pflegepersonal nachhaltig zu entlasten. Derzeit verhindern noch ethische Bedenken aufgrund der ständigen Überwachung von Patienten sowie gesetzliche Auflagen die flächendeckende Einbindung vieler Technologien, die bereits zu Optimierungen im Krankenhaus- und Pflegealltag führen könnten.

Smarte Helfer für zu Hause

Jeder fünfte Deutsche ist über 65 Jahre alt[1]: Die Auswirkungen des demografischen Wandels machen sich vor allem durch eine wachsende Zahl an Pflegebedürftigen bemerkbar. Im Zuge dessen steigt der Bedarf an digitalen Lösungen für ein selbstbestimmtes Leben. Bereits die Nutzung von alltagsunterstützenden Systemen erleichtert die Eigenständigkeit von Senioren: Wearables heißen die intelligenten Helfer in Form von smarten Endgeräten, die Pflegebedürftige auf Wunsch im Alltag unterstützen. Ein kleines Handy, das mit einem 3-D-Bewegungssensor und einer Zwei-Wege-Kommunikation ausgestattet ist, erkennt und meldet etwa einen Sturz. Daraufhin sendet das Wearable ein Notrufsignal ab. Falls die gestürzte Person keine Auskunft über ihren Standort geben kann, lässt sich mithilfe von GPS-Satelliten oder GMS-Ortung die Position des Sturzdetektors ermitteln. Weitere Haushaltshilfen wie smarte Abschaltsysteme sorgen dafür, dass Herd oder Ofen nicht die Höchsttemperatur oder die einprogrammierte Nutzzeit überschreiten. Die Rund-um-die-Uhr-Beobachtung durch die Wearables dient nur einem Zweck: mehr Sicherheit für Senioren im eigenständigen Alltag. Obwohl die Geräte Tätigkeiten oder Standorte ihrer Besitzer täglich dokumentieren, da sonst eine Unfallprävention sowie rechtzeitige Hilfeleistung nicht gegeben wären, steht der Mehrwert für die Lebensqualität deutlich über den ethischen Bedenken. Die Nutzung der Wearables in den eigenen vier Wänden erfolgt zudem freiwillig, Pflegebedürftige erhalten dadurch wesentlich mehr Selbstständigkeit und verlängern die Zeit zu Hause.

Betten überwachen

Intelligente Krankenhausbetten können heutzutage den Patientenzustand ununterbrochen dokumentieren: Kleine, smarte Sensoren im vernetzten Bett liefern Messwerte, die mithilfe von Mikroprozessoren mit komplexen Logikeinheiten verarbeitet werden. Die gesammelten Informationen stehen Krankenhaus- oder Pflegepersonal in der Regel flexibel abrufbar zur Verfügung, so lässt sich der Patientenzustand jederzeit von unterschiedlichen Orten überwachen. Eingebaute Wiegesensoren mit Frühwarnsystemen erfassen etwa Bewegungen und erkennen, ob das Bett verlassen wird. Sobald der Patient aufsteht, erhält das Pflegepersonal ein Signal und kann rechtzeitig eingreifen, um Unfälle zu vermeiden. Zudem erkennen smarte Feuchtsensoren in einer Matte unter dem Bettlaken eventuelle Inkontinenz und eine kompatible Ruffunktion sorgt dafür, dass Pfleger sich zeitnah um die Patienten kümmern können. Eine unmittelbare Versorgung stellt in diesen Fällen einen würdevollen Umgang sicher. Die Pflegebetten, die bereits auf dem Markt sind, passen gut in eine Klinik-Umgebung – auf Intensivstationen rettet die ständige elektronische Überwachung eines Patienten bereits Leben. In diesem Fall besteht selten die Möglichkeit, vor der Behandlung eines Patienten dessen Einverständnis zur Überwachung durch das vernetzte Bett einzuholen. Eine Lücke zugunsten der Versorgung, denn Pfleger können bei Patienten mit lebensbedrohlichen Verletzungen jederzeit den Zustand, auch aus der Ferne, abfragen oder werden bei einem Notfall rechtzeitig benachrichtigt. Für Pflegeeinrichtungen eignen sich intelligente Betten ebenso: In Dienstzimmern und Büros findet die Pflegeplanung statt, von dort alle Patienteninformationen unmittelbar abzurufen, ermöglicht mehr Komfort, Privatsphäre und Patientenwürde für Bewohner. Zudem stehen die gesammelten Daten bereit, um daraus Regeln abzuleiten, die sich zu einem Wissen entwickeln, auf dessen Basis der Krankenhaus- und Pflegealltag effizienter geplant werden kann.

Daten mobil zugänglich machen

Die erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsstrategien und der Mehrwert für die Patientenbehandlung könnten sich beispielsweise bei der Etablierung einer elektronischen Patientenakte zeigen. Um einen Datenpool zu schaffen, sollte die vollständige Dokumentation einer Patientengeschichte zentralisiert stattfinden. Das ermöglicht Fachkräften bei Therapien, Behandlungen oder Überweisungen auf die gesamte Krankengeschichte zuzugreifen – damit einher geht Transparenz bei den Weiterbehandlungen. Notwendig ist jedoch ein Sicherheitsmanagement: Sobald etwa Pflegedienste von unterwegs per Smartphone oder Tablet auf Klientenmanagement, Pflegedokumentation, Patientenakten und Tourenplanung zugreifen, gilt es verschärfte

Maßnahmen für die Datensicherheit einzurichten. Gleiches gilt für medizinische Versorgungszentren, die durch die wachsende Ambulantisierung von Krankenhäusern ebenfalls von elektronisch gespeicherten und mobil zugänglichen Patientenakten profitieren. IT-Abteilungen sind in der Regel für die Software zuständig, sodass notwendige Systeme einwandfrei laufen. Wichtig dabei: eine sichere Transportverschlüsselung durch SSL oder TLS für das Versenden von internen Informationen. Ziel ist die Prävention vor Cyberangriffen und missbräuchlicher Nutzung der Daten durch Dritte.

 Legitime Überwachung?

Gleichzeitig mit der steigenden Nachfrage nach Pflegeplätzen nehmen auch die Forderungen nach Selbstständigkeit im Alter zu. Um den Wünschen und Bedürfnissen der älteren Generation zu entsprechen, ist ein mentaler Schritt der Gesundheitsbranche notwendig: Eine neue digitale Ära zur Verbesserung der Patientenversorgung steht an. Um Fortentwicklungen in der Gesundheitsbranche zu erzielen, kommt keine Einrichtung mehr an Vernetzung und Digitalisierung vorbei – damit einher geht die Zunahme der elektronischen Überwachung von Patienten. Neben diesen Vorzügen birgt die fortschreitende Digitalisierung aber auch ethische Bedenken bei der ständigen Dokumentation von Patientendaten: Verlieren die Patienten ihre Privatsphäre und die Möglichkeit, völlig frei zu entscheiden? Hierbei kommt es vor allem auf den Umgang mit personenbezogenen Daten an, diese sollten einem strengen Schutz unterliegen und nur für Zwecke genutzt werden, die die Lebensqualität von Senioren steigern. In die ethische Diskussion um die Legitimität der Überwachung von Patienten in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen muss daher das große Plus für die Versorgung einfließen. Ein effizientes Wissensmanagement sollte zudem ein weiteres Ziel von Digitalisierungsstrategien sein: Wie können die gesammelten Daten verschiedener Patienten geschützt und zum Vorteil einer besseren Versorgung genutzt werden?

Der Autor:

Karsten Glied ist Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH, die sich auf maßgeschneiderte IT- und Technik-Lösungen für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft spezialisiert hat. Als studierter Diplom-Betriebswirt entwickelte er schon lange vor dem Megatrend „Digitalisierung“ Strategien für eine bessere Verzahnung von IT mit den fachlichen und wirtschaftlichen Anforderungen eines Unternehmens. Zudem tritt er als Vortragender auf internationalen Konferenzen auf und referiert rund um die Themen Digitalisierung und „IT Business Alignment“. Weiterhin publiziert Karsten Glied Beiträge mit dem Schwerpunkt IT und Digitalisierung

 

[1] Statistisches Bundesamt 2017: Demografischer Wandel in Deutschland.