Kunst und Wissenschaft treffen aufeinander

Das Projekt „Störung/Ha-fra-ah“ bringt Bewegung ins Labor und Erkenntnisse über Morbus Parkinson ins Theater

Das Wissenschafts- und Tanzprojekt "Störung/Ha-fra-ah" behandelt die Themen Bewegung und Bewegungsstörung. Foto: Levin Sottru

Das Wissenschafts- und Tanzprojekt „Störung/Ha-fra-ah“ behandelt die Themen Bewegung und Bewegungsstörung. Foto: Levin Sottru

Das Verständnis von Krankheit hinterfragen, verschiedene Formen der Forschung reflektieren: Das deutsch-israelische Projekt „Störung/Ha-fra-ah“ ließ Kunst und Wissenschaft aufeinander treffen. Entstanden sind Choreografien, Installationen, Workshops und ein Dokumentarfilm, aber auch neue Ansätze zur Messung und zum Verständnis der Wirkung von Tanz auf die Parkinson’sche Krankheit – eine Erkrankung der Bewegungssteuerung. Bei einem zweitägigen Kongress sind die Ergebnisse nun in Freiburg vorgestellt worden. Die Kulturstiftung des Bundes, das Deutsch-Israelische Zukunftsforum und die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördern das Projekt.

Seit dem 20. Februar 2015 trafen sich in Freiburg jede Woche junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Albert-Ludwigs-Universität, Tänzerinnen und Tänzer des Theaters Freiburg und an Morbus Parkinson erkrankte Menschen. Sie diskutierten, bearbeiteten gemeinsame Forschungsfragen zum Thema Bewegung und Bewegungsstörung und tanzten. Zeitgleich trafen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Israel. Das Projekt des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools der Albert-Ludwigs-Universität und des Theaters Freiburg verband auf diese Weise subjektive Erfahrungen mit objektiv-wissenschaftlichen Perspektiven auf die Krankheit – Morbus Parkinson ist ein Forschungsschwerpunkt am Exzellenzcluster.

Die Parkinson’sche Krankheit entsteht, wenn Zellen in bestimmten Hirnbereichen absterben. Charakteristische Symptome sind Rigor, also die zunehmende Steifheit der Bewegungen, und bei manchen Patientinnen und Patienten Tremor, ein Zittern. Menschen, die an der Parkinson’schen Krankheit leiden, berichten, dass Tanz ihre Symptome lindere. Diese Effekte sind aber für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schwer zu erfassen. Das Projekt wollte neue Denkanstöße zwischen Tänzern und Forschern schaffen.

Nachwuchswissenschaftler in Freiburg und Tel Aviv testeten die Wirkung von Tanz auf Parkinson, von Musik auf Empathie oder von Rhythmus auf Bewegung. Die Freiburger Forscher Johannes Erhardt und Dr. Juan Ordonez sowie die Künstlerin Mathilde Bonte entwickelten einen Sensor, der mit einem Beschleunigungsmesser das Symptom Tremor erfasst. Julie Philpott bereitete im Projekt ihre medizinische Doktorarbeit zum Effekt von Musik auf rhythmische Bewegungen in der funktionellen Magnetresonanztomografie vor. In Israel entwickelten zwei Teilnehmer einen neuen Messansatz für Parkinsonsymptome namens „Moveinteraction“. Die psychologischen Interviews und Messungen zeigten in ersten Ergebnissen, dass Patienten sich nach dem Besuch der Tanzstunden stärker sozial eingebunden und sicherer fühlten. Eine weitere Gruppe erfand ein Computerspiel und eine Tanzaufgabe, um zu testen, was im Gehirn passiert, wenn Menschen miteinander interagieren.

„Auch Künstlerinnen und Künstler forschen. Sie beschäftigen sich mit der subjektiven Erschließung der Erfahrungswelt“, erklärt Privatdozent Dr. Oliver Müller, Leiter des Projekts an der Universität und Nachwuchsgruppenleiter bei BrainLinks-BrainTools. Die zehn Freiburger Teilnehmenden aus Ingenieurswissenschaften, Medizin, Biologie und Psychologie lernten, wie Tänzer zum Beispiel Bewegungsabläufe in ihre Komponenten aufgliedern und Stück für Stück nachvollziehen. Umgekehrt bekamen die sechs Tänzer Einblicke in die Neurowissenschaften.

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