Aktuell müssen sich Ärzte und Psychotherapeuten mit ihren Praxen an die TI anschließen, andernfalls werden sie mit Honorarabzug bestraft.
FÄ-Vize Dr. Silke Lüder: „Die einzige Antwort darauf kann nur sein: Stopp der TI und des Anschlusszwangs“
In der Antwort auf eine aktuelle Anfrage der FDP-Bundestags-fraktion teilt das Bundes-gesundheitsministerium mit: Für die Telematikinfrastruktur (TI) gebe es bisher keine Daten-schutzfolgenabschätzung. Die Freie Ärzteschaft fordert aus diesem Anlass erneut und entschieden, die Einführung der TI zu stoppen und die Pflicht der Ärzte sowie Psychotherapeuten zum Anschluss an die TI zurückzunehmen. „Jede Verarbeitung von sensiblen persönlichen Daten erfordert vorab eine Datenschutz-folgenabschätzung, und das verpflichtend“, sagte FÄ-Vize Dr. Silke Lüder mit Verweis auf die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) am Montag in Hamburg.
Das gelte vor allem, wenn „bei der Verwendung neuer Technologien, aufgrund der Art, des Umfangs, der Umstände und der Zwecke der Verarbeitung voraussichtlich ein hohes Risiko für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen“ bestehe, wie es in dem Gesetz heißt. Lüder betont: „Das ist bei der Telematikinfrastruktur sicher der Fall. Immerhin sollen in dem Netz medizinische Daten von 70 Millionen gesetzlich versicherten Bundesbürger gespeichert werden.“ Diese Datenschutzfolgenabschätzung hätte vor Einführung der TI und vor der gesetzlichen Verpflichtung der Arzt- und Psychotherapiepraxen zum Anschluss an die TI durchgeführt werden müssen – dies hätten auch der Bundesdatenschutzbeauftragte sowie die Kassenärztliche Bundesvereinigung mehrfach eingefordert. „Geschehen ist allerdings nicht – und das ist ein Skandal“, macht die FÄ-Vize klar. „Gelten die Datenschutzgesetze für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn etwa nicht?“
Die Sicherheit der Patientendaten in der TI ist ohnehin äußerst zweifelhaft.
„Nachdem beim Chaos Communication Congress kürzlich öffentlich wurde, dass sich
Unbefugte ohne Probleme Praxis-, Arzt- und Patientenausweise als
Zugangsschlüssel zur TI besorgen konnten, ist klar, dass wichtige
Datensicherheitskriterien wie Vertraulichkeit und Integrität nicht erfüllt
sind“, berichtet Lüder. Deshalb sei inzwischen sogar die Ausgabe von Praxis-
und Arztausweisen gestoppt worden. Verstöße gegen den Datenschutz könnten seit
Mai 2018 laut DSGVO mit Strafen in Millionenhöhe geahndet werden.
Diese Gemengelage bringe Arztpraxen in eine derzeit
unlösbare Situation. „Wer sich an die TI angeschlossen hat oder anschließt“,
erläutert die FÄ-Vizevorsitzende, „riskiert eindeutig Verstöße gegen die
Datenschutzgesetze, weil die verpflichtende Datenschutzfolgenabschätzung fehlt.
Wer sich nicht anschließt, wird mit Honorarabzug bestraft. Da derzeit keine
Praxis- und Arztausweise ausgegeben werden, könne man sich selbst dann nicht an
die TI anschließen, wenn man wollte – trotzdem gebe es hohe finanzielle
Strafen. „Die Sanktionen von Herrn Spahn kann man unter den gegebenen Umständen
nur als rechtswidrige Erpressung bezeichnen. Der Minister trägt Verantwortung
sowohl für die Sanktionen gegen die Praxen als auch für die fehlende
Datenschutzfolgenabschätzung – ein Skandal. Die einzige Antwort darauf kann nur
sein: Stopp der TI und des Anschlusszwangs.“
Ein Expertenteam des Instituts für Psychologie der Universität Leipzig will in einem neuen Forschungsprojekt zur WhatsApp-Kommunikation Jugendlicher untersuchen, ob sich daraus Rückschlüsse auf eine drohende Depression ziehen lassen. Der Kinder- und Jugendpsychologe Prof. Dr. Julian Schmitz und seine Kollegen sind daher im Raum Leipzig aktuell auf der Suche nach insgesamt 40 depressiven und gesunden jungen Menschen zwischen 13 und 17 Jahren, um deren WhatsApp-Kommunikation anonym zu vergleichen und auf bestimmte Inhalte hin zu analysieren, die auf eine Depression hinweisen. Das Forschungsprojekt der Universität Leipzig gehört zu einer umfassenden Studie eines größeren Konsortiums zu dieser Problematik unter Leitung der Universität Tübingen, an dem auch die Universität Würzburg und die TU Dresden beteiligt sind.
„Wir wollen zunächst herausbekommen, ob die WhatsApp-Kommunikation
überhaupt ein Marker ist, um eine depressive Erkrankung zu erkennen“,
sagt Schmitz. Dazu werden die Daten der Probanden, die beispielsweise in
Krankenhäusern oder psychiatrischen Ambulanzen in Behandlung sind und
so auf die Studie gekommen sind, auf bestimmte negative Inhalte
untersucht. Ein wichtiger Punkt ist für die Forscher auch, wieviel Zeit
die jungen Menschen am Handy oder Tablet verbringen und wie oft sie es
aus- und einschalten. Fest steht, dass eine Depression die
Kommunikationsmuster der Betroffenen beeinflusst. „Die einen
verschließen sich vor ihrer Umwelt, haben weniger Interaktion in den
sozialen Medien, andere sind ständig online und kommunizieren verstärkte
negative Gedanken und Gefühle. Im realen Leben ist es definitiv so,
dass sich die Betroffenen eher zurückziehen“, erläutert Schmitz.
Untersucht werde auch, mit wie vielen Personen die Jugendlichen Kontakt
haben. „Wenn depressive Menschen ihre sozialen Kontakte nicht mehr
pflegen, ist die Frage, ob das über WhatsApp messbar ist. Das wollen wir
herausbekommen“, so der Psychologe.
Auch die Art der
Kommunikation werde durch diese Erkrankung verändert. Über eine App, die
auf den Handys der Jugendlichen installiert wird, und bestimmte
Computer-Algorithmen suchen die Forscher deshalb nach einer Häufung von
Wörtern oder Emojis, die negative Emotionen ausdrücken. Da depressive
Menschen stark mit sich selbst beschäftigt sind, werde in den
WhatsApp-Texten auch nach gehäuften „Ich“-Formulierungen gesucht, die
den für die Erkrankung typischen Egozentrismus widerspiegeln.
Schmitz betont, dass die Auswertung der Daten, die bis zum Sommer kommenden Jahres gesammelt werden sollen, anonym erfolgt und diese verschlüsselt übertragen werden. Zudem stehen alle an dem Projekt Beteiligten unter Schweigepflicht. Innerhalb des Konsortiums werten die Forscher WhatsApp-Daten vom Jugendlichen aus Leipzig, Tübingen, Dresden und Würzburg aus. „Es ist das erste Mal, dass die WhatsApp-Kommunikation in diesem Zusammenhang untersucht wird“, betont Schmitz. Wenn sich herausstellt, dass dies ein gangbarer Weg ist, um diese Erkrankung zu erkennen, könnten über das Handy beispielsweise helfende Hinweise an die Betroffenen via WhatsApp verschickt werden. Auch der behandelnde Therapeut könnte auf diesem Weg informiert werden. Nicht zuletzt haben Schmitz zufolge auch die Krankenkassen Interesse an dem Forschungsprojekt, da die Resultate unter anderem für die klinische Versorgung von depressiven Patienten genutzt werden könnten.
Wir haben bei der Uni Leipzig nachgefragt, welche Daten die Krankenkassen tatsächlich bekommen werden. Wie es möglich sein wird, wenn die Daten anonymisiert sind, Hinweise für die Betroffenen per WhatsApp zu schicken.
Hier die sehr schnelle Antwort von Prof. Dr. Schmitz, Uni Leipzig.
„In der Studie werden die Daten anonymisiert erhoben zu Forschungszwecken; sollte es weitere Entwicklungen geben kann eine mögliche App, die im Gesundheitsbereich eingesetzt wird, dann auch für mögliche Nachrichten genutzt werden beispielsweise zwischen Patient und Psychotherapeut (als Perspektive). Aktuell erhalten Krankenkassen keine Daten aus der App bzw. auch die Forschungsdaten werden keiner Krankenkasse direkt zur Verfügung gestellt.“
Interessierte Jugendliche können sich unter den folgenden Kontaktdaten zur Studie anmelden: Telefon 0341 9735991 und E-Mail whatsapp-studie@psychologie.uni-leipzig.de.
Wenn Sie das nächste Mal nach Ginseng-Tee oder Weihrauchöl greifen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, wie es ohne wäre.
Stuttgart –Obwohl keine dieser Pflanzen heute akut gefährdet ist, stehen sie beispielhaft für eine sich abzeichnende weltweite Entwicklung: das Zurückdrängen und Aussterben von Arzneipflanzen. Wendy L. Applequist und ihre Co-Autoren beschreiben in ihrem Aufruf „Scientists‘ Warning on Climate Change and Medicinal Plants” die schädlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die Heilpflanzen. Der Appell wurde kürzlich in Planta Medica (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2019.) veröffentlicht und von vielen weiteren Wissenschaftlern unterzeichnet.
Die Bevölkerungen, die voraussichtlich am meisten unter diesen Auswirkungen leiden werden, sind kleinere Volksgruppen und indigene Stämme. Die am stärksten gefährdeten Pflanzen wachsen in alpinen Regionen und in nördlichen Breitengraden. Wenn sich das Klima in ihren angestammten Lebensräumen verändert, versuchen sich die Pflanzen anzupassen oder in benachbarte Lebensräume zu wandern. Nach Ansicht der Autoren sind einige Pflanzen dazu womöglich nicht in der Lage oder schaffen es nicht rechtzeitig, sich in einem neuen Lebensraum anzusiedeln. Die Autoren zitieren beispielsweise eine Studie, die den vollständigen Verlust des Lebensraums von Tylophora hirsuta in einigen Gebieten Pakistans voraussagt. Die Pflanze wird zur Behandlung von Asthma und Harnwegserkrankungen eingesetzt. In einer anderen Studie werden für Boswellia, die Quelle von Weihrauchharz, vielfältige Gefahren aufgezeigt: wachsende Agrarbetriebe, Raubbau unter anderem durch Feuer, Holzkäferbefall und Verfütterung an Nutztiere.
Wirken Überernten und Klimawandel zusammen, wächst die Bedrohung exponentiell. Amerikanischer Ginseng stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von acht Prozent in den nächsten 70 Jahren aus, wenn er weiter so geerntet wird wie heute. Ein Aussterben des Ginsengs durch Folgen des Klimawandels wird in einer weiteren zitierten Studie mit sechs Prozent beziffert. Wenn beide Effekte zusammenkommen, steigt das Risiko auf 65 Prozent.
Versagt die Menschheit weiterhin bei der nachhaltigen Bekämpfung des Klimawandels, empfehlen die Autoren, Arzneipflanzen vermehrt in Gemeinschaftsgärten anzubauen, um den lokalen Zugang zu erhalten. Bauern sollten zeitnah in der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wiesen und Felder und in der Überwachung der Pflanzenqualität geschult werden. Einen letzten Ausweg sehen die Forscher in der vom Menschen unterstützten Migration der Pflanzen in neue Lebensräume und im Anlegen einer standortunabhängigen Saatenbank.
Der Aufruf der Autoren steht in der Tradition der 1992 und 2017 veröffentlichten „World Scientists‘ Warning to Humanity“ und einigen weiteren Studien, die die Auswirkungen des Klimawandels auf einzelne Aspekte des menschlichen Lebens aufzeigen.
Über Planta Medica Planta Medica ist eine der führenden internationalen Fachzeitschriften auf dem Gebiet der Arzneipflanzen- und Naturstoffforschung. Planta Medica akzeptiert Originalarbeiten und Übersichtsartikel von Forschern weltweit. Thieme veröffentlicht 18 Ausgaben pro Jahr.
Quelle: W. L. Applequist et al.: Scientistsʼ Warning on Climate Change and Medicinal Plants Planta Medica 2019; eFirst 15.11.2019
BKK Gesundheitsreport 2019: Fehltage wegen psychischer Erkrankungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt
Mit einem Krankenstand von 5,1% erreichen die
Fehlzeiten bei den Beschäftigten im Jahr 2018 einen neuen Höchststand,
so der aktuelle BKK Gesundheitsreport 2019: „Psychische Gesundheit und
Arbeit“. Vor allem die stark ausgeprägte Grippewelle und der damit
verbundene starke Anstieg der Fehltage aufgrund Atemwegserkrankungen
bzw. Infektionen ist für diesen Rekordwert verantwortlich. Daneben sind
die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im Vergleich zum Vorjahr
mit +5,4% noch am stärksten angestiegen.
Fast jeder sechste Fehltag geht auf eine psychische Erkrankung zurück
2,9 AU-Tage werden im Jahr 2018 durchschnittlich pro Beschäftigten
durch psychische Erkrankungen verursacht. Das entspricht, gemessen an
den 18,5 AU-Tagen je Beschäftigten insgesamt, fast jeden sechsten AU-Tag
(15,7%). Damit liegen die psychischen Störungen hinter den
Muskel-Skelett-Erkrankungen (23,8%) sowie den Atemwegserkrankungen
(16,4%) als AU-Ursache in diesem Jahr auf dem dritten Platz.
Verglichen mit den Werten von 2008 zeigt sich bei den
Muskel-Skelett-Erkrankungen ein Anstieg um ein Drittel (+34,2%) sowie
bei den Atemwegserkrankungen um mehr als die Hälfte (+51,7%). Im
gleichen Zeitraum haben sich hingegen die Fehltage aufgrund psychischer
Störungen mehr als verdoppelt (+129,4%). Diese hohe Zunahme ist u. a.
dadurch begründet, dass hier mit jedem Krankheitsfall
überdurchschnittlich viele Fehltage (im Schnitt 37 Tage je Fall)
verbunden sind.
Versorgung Betroffener ist heute schneller und besser
Der Anteil Betroffener mit einer psychischen Erkrankung in
Deutschland ist in der letzten Dekade nahezu unverändert geblieben: Etwa
30% der Gesamtbevölkerung erkrankt laut Robert Koch-Institut mindestens
einmal im Leben an einer psychischen Störung. Der Anstieg bei den
AU-Tagen sowie auch in anderen Leistungsbereichen kommt vor allem durch
eine schnellere und bessere Diagnostik und Therapie, die häufiger als
früher Betroffene erkennt und behandelt, zustande.
Die öffentliche Diskussion des Themas hat zudem dazu beigetragen,
dass die Stigmatisierung der Betroffenen abgenommen und gleichzeitig ein
deutlicher Anstieg von Maßnahmen und Initiativen zur Förderung
psychischer Gesundheit (z. B. psyGA) zu verzeichnen ist.
„Das eine ist, dass psychische Erkrankungen kein Tabuthema mehr
sind. Es wird darüber in der Gesellschaft diskutiert, die Mediziner
diskutieren offener darüber, aber auch die Menschen verstecken sich
nicht mehr mit psychischen Erkrankungen. Ich gehe davon aus, dass früher
viele Diagnosen psychische Erkrankungen verdeckt haben. Es wurden dann
allgemeine Befindlichkeitsstörungen oder Ähnliches diagnostiziert. Es
wurden die somatischen Folgen, Kopfschmerzen, Migräne, Unwohlsein
festgestellt. Dahinter lagen aber psychische Erkrankungen“, sagt Franz
Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes.
Nicht jede Diagnose führt automatisch zu Fehlzeiten
Nicht jede psychische Erkrankung führt automatisch zu einer
krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit. Im BKK Gesundheitsreport 2019
wird dies am Beispiel der depressiven Episode (F32) verdeutlicht:
Gemessen an den Beschäftigten, die im Jahr 2018 durch einen
niedergelassenen Arzt oder Therapeuten eine solche Diagnose erhalten
haben, führt dies bei nicht einmal jedem achten (12,1%) zu einer
Arbeitsunfähigkeit. Genauso wie Beschäftigte mit einer somatischen
Erkrankung (z. B. Diabetes) ist es somit auch für Menschen mit einem
psychischen Leiden in der Mehrzahl der Fälle (87,9%) möglich, weiterhin
am Arbeitsleben teilzunehmen.
Die Arbeit(-sbelastung) macht den Unterschied
Wie stark Beschäftige von Fehlzeiten aufgrund psychischer
Erkrankungen betroffen sind, hängt in hohem Maße von der Arbeit und den
damit verbundenen Arbeitsbedingungen ab. Vor allem solche Berufe, die
sich bei der Arbeit hauptsächlich mit anderen Menschen beschäftigten (z.
B. Gesundheits- und Erziehungsberufe sowie Sicherheitsberufe) und
zusätzlich ein hohes Maß an psychosozialem Stress beinhalten, weisen
überdurchschnittlich viele AU-Fälle bzw. AU-Tage auf. Wenig überraschend
sind es die Beschäftigten in der Altenpflege, die mit durchschnittlich
5,8 AU-Tagen wegen psychischer Störungen an der Spitze aller
Berufsgruppen zu finden sind. Im Vergleich zum Durchschnitt (2,9 AU-Tage
je Beschäftigten) ist der Wert in der Altenpflege somit mehr als
doppelt so hoch.
„Arbeit macht eher gesund als krank! Darauf deuten sowohl Studien
zum Effekt der Arbeitslosigkeit als auch Studien zu den Auswirkungen
der Berentung hin. Arbeit kann bis zu einem gewissen Grad die psychische
Gesundheit positiv wie negativ beeinflussen. Studien hierzu legen nahe,
dass Arbeit in erster Linie gesund erhält, und nur unter bestimmten
Arbeitsbedingungen krankmacht“, berichtet Professor Dr. Holger Pfaff,
Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR), Uni Köln.
Arbeitsplatzverlust durch gezieltes BGF verhindern
Nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch der Erwerbsstatus wirkt
sich deutlich auf die psychische Gesundheit aus. So ist mit
durchschnittlich 15,2 AU-Tagen der Wert für die Arbeitslosen (ALG-I)
fast dreimal so hoch, wie der der am meisten belasteten Beschäftigten in
der Altenpflege. Arbeit, die als sinnstiftend erlebt wird, kann also
durchaus für die (psychische und physische) Gesundheit förderlich sein,
in vielen Tätigkeitsfeldern ist aber darüber hinaus Prävention und
Gesundheitsförderung v. a. im Bereich Psyche dringend notwendig.
Die große Herausforderung in der Arbeitswelt besteht aktuell und
zukünftig nicht allein darin, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen
zu schaffen, sondern auch psychisch erkrankten Mitarbeitern weiterhin
eine Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Praxishilfen, wie
beispielsweise die durch den BKK Dachverband herausgegebene Broschüre „Psychisch krank im Job“
bieten für Interessierte zahlreiche Informationen, Anlaufstellen und
verständliche Handlungsempfehlungen für die betriebliche Praxis.
„Psychische Störungen lassen sich im Arbeitskontext manchmal fast besser erkennen als in einem privaten, denn man kennt die KollegInnen über längere Zeit, kennt ihr Leistungs- und Sozialverhalten. Und wenn sich das verändert, wenn z. B. mehr Fehler stattfinden, Personen sich zurückziehen, sie weniger gepflegt am Arbeitsplatz erscheinen, wenn sie stärker emotional sind während sie früher vielleicht kontrollierter waren, öfter krank oder mit den Gedanken woanders sind, dann ermutigen wir Kolleginnen und Kollegen und Führungskräfte diese Beobachtungen direkt anzusprechen und zu sagen: Mir fällt auf, du veränderst dich! Ist denn irgendwas? Wie geht‘s Dir wirklich?“, erklärt Dr. Ulrich Birner, Leiter des Fachreferats Psychosocial Health der Siemens AG. „Das kann für Betroffene sehr hilfreich sein, die eigene Situation besser zu erkennen, und lässt dem Angesprochenen die Freiheit, sich zu öffnen oder die Privatsphäre zu wahren.“
Der BKK Dachverband ist die politische Interessenvertretung von 76 Betriebskrankenkassen und vier BKK Lan-desverbänden mit rund neun Millionen Versicherten.
Verschiedenste Erscheinungsformen von Immunzellen im menschlichen Gehirn erstmalig identifiziert
Besondere Subform der Immunwächter bei Hirntumoren entdeckt / Studie im Fachmagazin Nature Neuroscience erschienen
Einzelzellanalyse von Mikrogliazellen: Jeder Punkt zeigt eine Zelle und die Farben signalisieren verschiedene Gruppen von Mikrogliazellen, wie sie im menschlichen Gehirn vorkommen. Bildrechte: Roman Sankowski / Universitätsklinikum Freiburg
Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg, des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie und Epigenetik Freiburg sowie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, hat das hirneigene Immunsystem des Menschen im gesunden und erkrankten Gehirn neu vermessen. Dabei fanden die Forscherinnen und Forscher überraschend viele unterschiedliche Erscheinungsformen von Immunzellen, Mikroglia genannt. Mit neuartigen, hochauflösenden Techniken untersuchte das Team aus Freiburg und Berlin die Bausteine und den Stoffwechsel einzelner Immunzellen im Hirngewebe. So wiesen sie detailliert nach, wie sich das menschliche Immunsystem bei Hirntumoren verändert, was für zukünftige Therapieansätze von Bedeutung sein dürfte. Die Studie erschien am 18. November 2019 im Fachmagazin Nature Neuroscience.
„Wir waren sehr überrascht zu sehen, in wie vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen Mikrogliazellen im menschlichen Gehirn zu finden sind. Der Zustand der Zellen wird offensichtlich stark durch Faktoren wie Altern, Tumoraktivität und umgebende Zellen beeinflusst“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Marco Prinz, Ärztlicher Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsklinikum Freiburg und Mitglied im Exzellenzcluster CIBBS – Centre for Integrative Biological Signalling Studies der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. „Die Vielfalt der Immunzellen eröffnet neue Therapieansätze gegen Hirntumoren oder neurodegenerative Erkrankungen“, fasst Prinz zusammen. Für ihre Studie werteten die Forscher Gewebeproben von 15 Patienten aus, bei denen aufgrund einer Epilepsie oder eines Tumors Hirngewebe entnommen werden musste. Frühere Studien an Nagergehirnen waren zu dem Schluss gekommen, dass Mikroglia nur wenige unterschiedliche Aktivitätszustände einnehmen können.
Mikroglia, die Immunwächter im Gehirn, übernehmen während der Hirnentwicklung wie auch im gesunden und kranken Erwachsenengehirn viele verschiedene Aufgaben, von der Ernährung bis hin zur Gewebereparatur. In den letzten Jahren wird diesen hirneigenen Immunwächtern zunehmend auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung zahlreicher degenerativer Hirnerkrankungen wie Alzheimer, Parkinson aber auch bei entzündlichen Erkrankungen wir Multipler Sklerose und bei Hirntumoren zugeschrieben. Daher sind Wissenschaftler weltweit sehr daran interessiert, Mikrogliazellen detaillierter zu verstehen, um diese zukünftig gezielt therapeutisch verändern zu können.
Eine Manege voll von verschiedenen Immunwächtern bei Hirntumoren
Detailliert verglichen die Forscher um Prinz und Dr.Dominic Grün, Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg, gemeinsam mit den Erstautoren der Studie, Dr. Roman Sankowski vom Institut für Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg, und Dr. Chotima Böttchervon der Charitè Universitätsmedizin Berlin, die unterschiedlichen Zustände der Mikrogliazellen in menschlichen Hirntumoren. Bislang wurde angenommen, dass es vor allem im Blut zirkulierende Immunzellen sind, die in Hirntumoren zu finden sind. Sankowski konnte zeigen, dass es im Hirntumorgewebe speziell aktivierte hirneigene Mikrogliazellen gibt. Diese Zellen unterscheiden sich von anderen Mikroglia in zellulärer Ausstattung und Zellstoffwechsel. „Wir haben die Hoffnung, dass jetzt neue zellspezifischere und nebenwirkungsarme Therapieansätze entwickelt werden können, mit denen sich Tumorerkrankungen besser behandeln lassen“, sagt Sankowski.
Mit Laser und Molekularanalyse die Zelle erforschen
Die Untersuchung wurde dank neu entwickelter Einzelzell-Analysen (englisch single cell analyses) möglich. Damit ermittelten die Forscher anhand von RNA-Analysen die Genaktivität und mittels Lasermessung die Proteinausstattung einzelner aus dem Hirngewebe extrahierter Zellen. „Mit diesen Methoden erhalten wir ein wesentlich präziseres zelluläres Bild von sehr komplexen Geweben wie dem Hirn und darin stattfindende Veränderungen“, sagt Grün, einer der Entwickler dieser Technik. „Deshalb dürften die Methoden ein enormes Potenzial für die medizinische Diagnostik haben“, so Grün.
Bildunterschrift: Einzelzellanalyse von Mikrogliazellen: Jeder Punkt zeigt eine Zelle und die Farben signalisieren verschiedene Gruppen von Mikrogliazellen, wie sie im menschlichen Gehirn vorkommen. Bildrechte: Roman Sankowski / Universitätsklinikum Freiburg
Originaltitel der Studie: Mapping microglia states in the human brain through the integration of high-dimensional techniques.
15. APS-Jahrestagung am 14./15. Mai 2020 in Berlin
Berlin – Die Jahrestagung des Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) ist die Gelegenheit des Jahres, sich über aktuelle Entwicklungen der Patientensicherheit und des klinischen Risikomanagements auszutauschen. Hier treffen Praktiker auf Praktiker. Im kommenden Jahr wird der inhaltliche Schwerpunkt auf der sicheren Versorgung von Menschen mit besonderem Versorgungsbedarf beziehungsweise besonderen Herausforderungen bezüglich der Patientensicherheit liegen. Nun ruft das APS auf, sich an der inhaltlichen Gestaltung der Jahrestagung am 14./15. Mai 2020 in Berlin mit einem Kurzvortrag zu beteiligen. Der CALL FOR ABSTRACTS läuft bis zum 15. Dezember 2019
Patientensicherheit ist eine tägliche Herausforderung. Eine noch größere Herausforderung ist die Patientensicherheit, wenn die zu versorgenden Personen besondere Risiken mitbringen! Etwa, wenn sie sich nur eingeschränkt oder gar nicht mitteilen können, weil es sich um Kinder oder Menschen mit Demenz oder anderen kognitiven Einschränkungen handelt. Vor allem, wenn sie zusätzlich kein belastbares soziales Umfeld haben. Wenn Dosierungen von Arzneimitteln bei chronischer Erkrankung berücksichtigt, oder die Funktion von medizintechnischer Ausstattung angepasst werden müssen. Was ist zu tun bei sprachlichen und kulturellen Barrieren? Welche besonderen Bedürfnisse bringen Menschen mit Behinderungen mit und wie muss die Versorgung gestaltet sein, um auch für sie sicher zu sein? Wie kann dabei eine sektorenübergreifende Versorgung ohne Sicherheitsrisiken gelingen? „Sicherheitskultur ist nicht nur im Normalfall wichtig, sondern vor allem dann, wenn besondere Risiken zu bewältigen sind. Deshalb widmet sich unsere Jahrestagung insbesondere Ansätzen, die zur sicheren Versorgung von Patientengruppen mit besonderen Risiken beitragen,” sagt Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des APS.
Das APS möchte darüber hinaus den internationalen Austausch zur Patientensicherheit fördern. „Wir wollen mit verschiedenen Akteuren weltweit in Kontakt treten und voneinander lernen“, sagt Generalsekretär Marcel Weigand. „Deshalb suchen wir Best-Practice-Beiträge als Beispiele für Deutschland und Berichte von internationalen Kooperationsprojekten zur Patientensicherheit.“ Dabei stellt sich für das Aktionsbündnis auch die Frage: Wie können grenzüberschreitende Anliegen des Welttags für Patientensicherheit genutzt werden?
„Und schließlich ist und bleibt das APS auch weiterhin das Netzwerk für all diejenigen, die sich für Patientensicherheit engagieren“, ergänzt Heike Morris, zweite Vorsitzende des APS. „Wir möchten die Vernetzung unter den verschiedenen Akteuren weiter fördern und darüber hinaus über den Tellerrand blicken.“ In diesem Jahr sind auch Vertreter aus Bereichen wie beispielsweise der Lebensmittelindustrie oder der Fahrzeugtechnik eingeladen, um von ihren Herausforderungen und Lösungsansätzen zu einer adäquaten Sicherheitskultur zu berichten. Beiträge in diesem dritten Themenbereich werden sich von daher mit der Vernetzung und Übertragungsmöglichkeit von weiteren Strategien der Sicherheitskultur beschäftigen.
Das APS ruft Interessierte dazu auf, sich an der inhaltlichen Gestaltung der Jahrestagung am 14./15. Mai 2020 in Berlin mit einem Kurzvortrag zu beteiligen. Der CALL FOR ABSTRACTS, über den sich Interessierte für eine Beteiligung an der Jahrestagung bewerben können, läuft noch bis zum 15. Dezember 2019. Informationen zu Schwerpunktthemen und zur Einreichung von Abstracts gibt es hier: https://www.aps-ev.de/aps-jahrestagung2020/#call
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Terminhinweis:
15. Jahrestagung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. (APS)
Termin: 14. bis 15. Mai 2020 Ort: Seminaris Campushotel Berlin Dahlem, Takustraße 39, 14195 Berlin
Vertreter der Gesundheitsberufe, ihrer Verbände, der Patientenorganisationen sowie aus Industrie und Wirtschaft haben sich im Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. (APS) zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Plattform zur Verbesserung der Patientensicherheit in Deutschland aufzubauen. Zusammen entscheiden und tragen sie die Projekte und Initiativen des Vereins.
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. (APS) wurde im April 2005 als gemeinnütziger Verein gegründet. Es setzt sich für eine sichere Gesundheitsversorgung ein und widmet sich der Erforschung, Entwicklung und Verbreitung dazu geeigneter Methoden.
Die Sendungen – jeweils von 20.15 bis 21 Uhr im WDR Fernsehen und in der WDR Mediathek
Prominente erzählen, was sonst nur ihre Ärzte erfahren: Horst
Lichter, Wolfgang Bosbach und Janine Kunze kommen am 6., 13. und 20.
Januar 2020 (jeweils 20.15 bis 21 Uhr) in „Hirschhausens Sprechstunde“
im WDR Fernsehen. In den ersten drei Folgen der neuen Gesundheitssendung
sprechen sie mit Dr. Eckart von Hirschhausen über ihre Krankheiten. Aus
dem Talk entwickeln sich Themen und Zusammenhänge, die den
Zuschauer*innen Orientierung geben sollen im Dschungel der
Gesundheits-Tipps. Zum Start geht es um „Horst Lichter und den
Schlaganfall“, „Wolfgang Bosbach und den Krebs“ sowie die Volkskrankheit
„Rücken“ mit der Schauspielerin und ehemaligen Krankenschwester Janine
Kunze.
„Ich freue mich sehr auf diese Sendung, die ich mit entwickeln
durfte. Wir haben viele Ideen, die über die klassischen
Gesundheitsformate hinausgehen. Wir verbinden Unterhaltung, Wissen,
ernste Gespräche und viel Spontaneität miteinander – genau das, was ich
seit Jahren auch auf der Bühne so liebe“, sagt Eckart von Hirschhausen.
Horst Lichter und Schlaganfall
Die erste Ausgabe von „Hirschhausens Sprechstunde“ widmet sich am 6.
Januar 2020 dem Thema Schlaganfall. Jedes Jahr erleiden knapp 270.000
Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Was kann man vorbeugend tun,
wie wichtig ist die Früherkennung und welche Auswirkungen hat in diesem
Zusammenhang der Faktor Stress? Um diese und andere Fragen zu klären,
trifft Eckart von Hirschhausen in seiner „Praxis“ auf Horst Lichter,
bekannt als der ewig gut gelaunte TV-Koch und Entertainer. Nur wenige
wissen, dass Lichter schon mit Mitte 20 zwei Schlaganfälle überstehen
musste. Der Grund: Extreme Arbeitsüberlastung und Stress. In der
medizinischen Konsultation bei Eckart von Hirschhausen erläutert
Lichter, wie seine Lebensumstände damals waren, was er danach in seinem
Leben geändert hat und was er heute zur Entspannung macht.
Wolfgang Bosbach und Krebs
Jährlich erkranken insgesamt etwa 480.000 Menschen in Deutschland neu
an Krebs. Blickt man auf die Erkrankungszahlen der vergangenen Jahre,
zeigt sich jedoch ein Trend: Seit 2011 ist die Zahl zurückgegangen.
Wolfgang Bosbach weiß seit 2011 , dass er unheilbar an Prostata-Krebs
erkrankt ist. Bei seinem Besuch in „Hirschhausens Sprechstunde“ am 13.
Januar erzählt der Politiker, wie er mit der Diagnose umgeht und wie er
es schafft, trotz seiner Erkrankung ein aktives und zufriedenes Leben zu
führen. Eckart von Hirschhausen klärt zudem über den aktuellen
Forschungsstand auf und erläutert, welche Vorsorgeuntersuchungen aus
seiner Sicht sinnvoll sind und welche nicht.
Janine Kunze und Rücken
75 Prozent aller Berufstätigen waren 2018 von der Volkskrankheit
Nummer eins betroffen: Rückenschmerzen. Eine von ihnen ist Janine Kunze.
Die Kölnerin ist erfolgreiche Schauspielerin und Moderatorin, seit 17
Jahren glücklich verheiratet und Mutter von drei Kindern. Ihr Leben –
eine Erfolgsgeschichte. Einziger Wermutstropfen: Ihre sie seit Jahren
plagenden Rückenschmerzen. Seit einem Sportunfall in ihrer Jugend wird
sie immer wieder von heftigen Schmerzen heimgesucht. In seiner
Sprechstunde gibt Eckart von Hirschhausen Janine Kunze und den
Zuschauer*innen Tipps zur Akutbehandlung, erklärt spezifische
Rückenübungen und erläutert, welche Behandlungsmöglichkeiten sinnvoll
sind und welche nicht.
„Hirschhausens Sprechstunde“ ist eine Produktion der Bavaria
Entertainment (Produzent: Alessandro Nasini) im Auftrag des WDR
(Redaktion: Jörg Gaensel und Carsten Wiese). Vorbild der Sendung ist das
französische TV-Format „Ca ne sortira pas d’ici“.
Die Sendungen – jeweils von 20.15 bis 21 Uhr im WDR Fernsehen und in der WDR Mediathek
Montag, 06.01.2020: „Hirschhausens Sprechstunde“ mit Horst Lichter
Montag, 13.01.2020: „Hirschhausens Sprechstunde“ mit Wolfgang Bosbach
Montag, 20.01.2020: „Hirschhausens Sprechstunde“ mit Janine Kunze
Medizinische Fakultät ehrt Orthopädin und Unfallchirurgin Eva Johanna Kubosch mit „Sabine-von-Kleist-Habilitationspreis“
Foto: Universitätsklinikum Freiburg
Die Arthrose ist die häufigste aller Gelenkerkrankungen und weltweit
die Hauptursache für chronische Schmerzen und Behinderungen.
Privatdozentin (PD) Dr. Eva Johanna Kubosch vom
Universitätsklinikum Freiburg ist für ihre Habilitationsschrift mit dem
„Sabine-von-Kleist-Habilitationspreis“ ausgezeichnet worden. „Ich habe
untersucht, welchen Einfluss Entzündungen auf den Knorpelabbau haben und
ob sich Stammzellen, die aus der Gelenkschleimhaut gewonnen werden,
positiv auf das Stoffwechselgleichgewicht im Gelenk auswirken“,
erläutert Kubosch. Ziel ihrer Arbeit war es, den Einsatz
knorpelregenerativer Methoden zu verbessern. Seit 2014 schreibt das
Gleichstellungsbüro der Medizinischen Fakultät der
Albert-Ludwigs-Universität den mit 10.000 Euro dotierten Preis für
Nachwuchswissenschaftlerinnen aus. Die Namensgeberin des Preises, Prof.
Dr. Sabine von Kleist, hatte die Professur für Immunbiologie an der
Universität Freiburg inne und war von 1987 bis 1989 die erste Prodekanin
und Dekanin der Medizinischen Fakultät.
Kubosch untersuchte, wie erfolgreich die so genannte matrixinduzierte
Chondrogenese, ein biologisch basiertes Operationsverfahren mit
Stammzellen zum Wiederaufbau geschädigten Sprunggelenksknorpels, ist.
Das Verfahren stellte sich als sichere und vielversprechende Therapie
bei Sprunggelenksverletzungen dar. „Klinische Ergebnisse und Daten der
Magnetresonanztomographie bestätigten dies“, sagt die Freiburger Ärztin.
Zudem habe es sich auch bei der Linderung von Schmerzen bewährt. In
einem weiteren Schritt beleuchtete Kubosch den Einfluss von
Entzündungsmediatoren – das sind körpereigene Stoffe, die eine
Entzündungsreaktion im Gelenk einleiten oder aufrechterhalten – auf den
Abbau von Knorpel. Dafür übertrug sie Erkenntnisse aus einer Analyse
bei Patientinnen und Patienten mit akuten bakteriellen Entzündungen auf
ein 3D-Gewebemodell für Gelenkinfektionen. „So konnte nachgewiesen
werden, dass Knorpelzellen einen entzündungshemmenden Effekt haben, der
mit einer erhöhten Widerstandfähigkeit gegen Infekte und einem höheren
Lebendzellanteil von Stammzellen in der Gelenkschleimhaut einhergeht“,
erläutert Kubosch. Bei Gelenkentzündungen entstehe häufig ein
Teufelskreis: Der Knorpel wird geschädigt, wodurch sich der
entzündungshemmende Effekt der Knorpelzellen verringert – und die
Zerstörung des Gelenks weiter fortschreitet.
Anhand dieser Ergebnisse ergab sich die Frage, ob solche „Gelenk-nahen“ Stammzellen auch bei der Aufrechterhaltung des Stoffwechselgleich-gewichtes im Gelenk eine entscheidende Rolle spielen können. Dafür hat Kubosch Stammzellen aus der Gelenkschleimhaut untersucht und herausgefunden, „dass diese Stammzellen ein hohes Potential bei der Knorpelbildung aufweisen und damit möglicherweise besser zur Knorpelregeneration geeignet sind als ausdifferenzierte Zellen des menschlichen Gelenkknorpels“. Zudem wies sie nach, dass Entzündungen eine Schädigung des Gelenks verursachen können. „Weitere Studien müssen nun zeigen, inwiefern Stammzellen sich positiv auf vorhandene Gelenkschäden auswirken können und inwieweit sie für die zellbasierte Knorpelregeneration geeignet sind.“
PD Dr. Eva Johanna Kubosch studierte an den Universitäten Göttingen
und Freiburg Humanmedizin. Sie wurde an der Albert-Ludwigs-Universität
unter der Betreuung von Prof. Dr. Norbert Südkamp und Prof. Dr. Philipp Niemeyer
promoviert und ist seit 2010 – seit 2016 als Fachärztin – in der Klinik
für Orthopädie und Unfallchirurgie tätig. Im Oktober 2018 habilitierte
sie sich für die Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie.
Originalveröffentlichung: Kubosch, Eva Johanna (2018): Der
Einfluss proinflammatorischer Zytokine auf die Knorpeldegradation: Die
Rolle von Synoviozyten für die Gelenkhomöostase und mögliche Ansätze für
das Knorpel Tissue Engineering. Freiburg.
Ob Menschen mit Schlafstörungen ihre Gefühle schlechter regulieren können als Normalschläfer, untersuchen Forscher des Universitätsklinikums Freiburg in einer Studie / Teilnehmer gesucht
Verarbeiten Menschen mit chronischen Schlafstörungen Emotionen anders als Gesunde? Da Menschen mit Schlafproblemen öfter an Depressionen erkranken, ist diese Frage besonders relevant. Nun wird sie erstmals im Rahmen einer Studie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg erforscht. Dafür werden jetzt Probanden mit und ohne Schlafstörungen gesucht. Bei den Teilnehmern wird fünf Tage lang die körperliche Aktivität gemessen und der Gemütszustand erfragt. Am Ende der Woche wird die Gefühlsregulation der Probanden noch einmal im Labor in Freiburg untersucht. Dafür müssen sie kurze Filmsequenzen ansehen und bewerten, eine Übernachtung im Schlaflabor ist nicht nötig. Die Teilnehmer erhalten eine Aufwandsentschädigung von 150 Euro, Fahrtkosten können nicht erstattet werden. Die Studie wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.
„Sollte sich bestätigen, dass Menschen mit Schlafstörungen ihre Gefühle schlechter regulieren können, könnte man den Betroffenen mit einer passenden Therapie gezielt helfen“, sagt Prof. Dr. Dieter Riemann, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychophysiologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Bislang gibt es keine Studien zur Frage, ob Betroffene mit Schlaflosigkeit andere Strategien der Gefühlsregulation als gesunde Schläfer nutzen. Die Arbeitsgruppe von Riemann, in der die Studie durchgeführt wird, erforscht seit mehr als 20 Jahren Diagnostik, Verbreitung, Ursachen und therapeutische Möglichkeiten bei Schlaflosigkeit.
Nach einer Voruntersuchung zur Überprüfung des Gesundheitszustands erhalten die Probanden einen Brustgurt, der die Bewegungsaktivität, den Schlaf-Wach-Rhythmus sowie die Herzfrequenz registriert. „Mit einer Smartphone-App befragen wir die Probanden außerdem zu vier zufälligen Zeitpunkten zu ihrem Gemütszustand“, sagt Studienleiterin Dr. Chiara Baglioni, Wissenschaftlerin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Am Ende der Woche werden bei den Probanden physiologische Reaktionen wie Herzaktivität, Hirnströme und Gesichtsmimik gemessen, während sie emotionale Filmsequenzen betrachten; zunächst ohne und dann unter Verwendung einer zuvor erlernte Strategie zur Emotionsregulation.
Teilnehmen können Männer und Frauen ab 18 Jahren, die gute oder schlechte Schläfer sind. Eine Psychotherapie sollte innerhalb der letzten 3 Jahre nicht stattgefunden haben. Interessenten an dieser am Universitätsklinikum Freiburg durchgeführten Studie können sich für weitere Informationen bei Dr. Chiara Baglioni per E-Mail an schlafstudie@uniklinik-freiburg.de oder telefonisch unter: 0761 270-65891 melden.
Wissenschaftler der Universität Würzburg und der Universität Freiburg gelang es die komplexe molekulare Struktur des bakteriellen Enzyms Cytochrom-bd-Oxidase zu entschlüsseln. Da Menschen diesen Typ der Oxidase nicht besitzen, könnte dieses Enzym ein interessantes Ziel für neuartige Antibiotika sein.
Struktur der Cytochrom-bd-Oxidase. Die experimentellen Daten sind in grau dargestellt und das daraus abgeleitete molekulare Modell farbig. Die Ausschnittvergrößerung zeigt den Bereich, in dem die drei Cytochrome gebunden sind.
Sowohl Menschen als auch viele andere Lebewesen brauchen Sauerstoff zum Überleben. Bei der Umsetzung von Nährstoffen in Energie wird der Sauerstoff zu Wasser umgewandelt, wofür das Enzym Oxidase verantwortlich ist. Es stellt den letzten Schritt der sogenannten Atmungskette dar.
Energiegewinnung mit Hilfe des Enzyms Oxidase
Während Menschen nur einen Typ dieser Oxidasen besitzen, hat der bakterielle Modellorganismus Escherichia coli (E. coli) drei alternative Enzyme zur Verfügung. Um besser zu verstehen, warum E. coli und andere Bakterien mehrere Oxidasen brauchen, haben Prof. Bettina Böttcher vom Rudolf-Virchow-Zentrum in Zusammenarbeit mit Prof. Thorsten Friedrich (Universität Freiburg) die molekulare Struktur der Cytochrom-bd-Oxidase aus E. coli aufgeklärt. Diesen Typ von Oxidasen findet man nur in Bakterien und den mikrobiellen Archaeen.
Bakterien besitzen andere Typen von Oxidase
Die namengebenden Cytochrome, zwei vom Typ b und eines vom Typ d, sind die entscheidenden eisenhaltigen Gruppen, die der Oxidase ihre Funktion verleihen. Am Cytochrom d wird der Sauerstoff gebunden und zu Wasser umgesetzt. Bei der Strukturaufklärung stellte sich heraus, dass die Architektur der Cytochrom-bd-Oxidase aus E. coli sehr ähnlich der Struktur aus einem anderen Bakterium ist, Geobacillus thermodenitrificans. „Zu unserer großen Überraschung zeigte sich jedoch, dass ein Cytochrom b und das Cytochrom d die Positionen gewechselt haben und damit den Ort der Sauerstoffumsetzung innerhalb des Enzyms“, berichtet Prof. Thorsten Friedrich.
Die Ursache für diesen Wechsel könnte sein, dass die Cytochrom-bd-Oxidase eine zweite Funktion erfüllen kann: Neben der Energiegewinnung kann es zum Schutz gegen oxidativen Stress und Stress durch Nitroxide dienen. Besonders pathogene Bakterienstämme zeigen eine hohe Aktivität der Cytochrom-bd-Oxidase. Da Menschen diesen Typ der Oxidase nicht besitzen, könnten diese Ergebnisse einen wichtigen Hinweis auf die Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe liefern, die auf die Cytochrom-bd-Oxidase von Krankheitserregern wie Mykobakterien abzielen.
Maßgeblich für den Erfolg war das neue Hochleistungselektronenmikroskop, das seit 2018 unter der Leitung von Prof. Böttcher am Rudolf-Virchow-Zentrum betrieben wird. „Die Cytochrom-bd-Oxidase stellte eine anspruchsvolle Probe für die Kryo-Elektronenmikroskopie dar, weil es eines der kleinsten Membranproteine ist, dessen Struktur mit dieser Technik bisher aufgeklärt wurde“, erklärt Prof. Bettina Böttcher.
Besonderheiten dieser Technik sind extrem tiefe Temperaturen bis zu minus 180 Grad Celsius und eine Auflösung, die sich in der Größenordnung von Atomen bewegt. Sie ermöglicht es, biologische Moleküle und Komplexe in Lösung zu untersuchen, die zuvor schockgefroren wurden, und deren dreidimensionale Struktur zu rekonstruieren. Mit einer Spannung von 300.000 Volt beschleunigt das Mikroskop die Elektronen, mit denen es die Proben „abtastet“.
Die Studie wurde im November 2019 im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht.
Publikation
Alexander Theßeling#, Tim Rasmussen#, Sabrina Burschel, Daniel Wohlwend, Jan Kägi, Rolf Müller, Bettina Böttcher* and Thorsten Friedrich*: Homologous bd oxidases share the same architecture but differ in mechanism. Nature Communications, Nov 2019, DOI:10.1038/s41467-019-13122-4
Personen
Prof. Dr. Bettina Böttcher ist Professorin für Biochemie und leitet seit 2016 eine Forschungs-gruppe am Lehrstuhl für Biochemie und am Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg.
Prof. Dr. Thorsten Friedrich ist seit 2001 Professor für Biochemie in der Fakultät für Chemie und Pharmazie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und leitet seit 2016 das von der DFG geförderte Graduiertenkolleg 2202 „Transport über und in Membranen“.