Bluthochdruck gilt als „stiller Killer“

Bluthochdruck: Was Ur-Ozean, unsere Gene, Salz und Fett mit dem „stillen Killer“ zu tun haben

Interview mit dem Bluthochdruck-Experten Prof. Dr. Detlev Ganten zum Welt Hypertonie Tag am 17. Mai 2015

20 bis 30 Millionen Menschen haben allein in Deutschland einen zu hohen Blutdruck – das ist fast jeder dritte. An den Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall  sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr weltweit über neun Millionen Menschen. Das große Problem: Die meisten wissen nicht einmal, dass sie bereits erkrankt sind. Bluthochdruck (Hypertonie) gilt als „stiller Killer“.

Dabei ist es einfach, Bluthochdruck zu erkennen, zu behandeln und sogar zu vermeiden. Was jeder Einzelne tun kann, erklärt Professor Dr. Detlev Ganten. Er ist weltweit einer der führenden Bluthochdruck-Forscher, Facharzt für Pharmakologie und Molekulare Medizin, sowie Experte für Evolutionäre Medizin. Außerdem ist er Präsident des World Health Summit, der jährlichen internationalen Weltgesundheitskonferenz in Berlin.

Professor Ganten, Bluthochdruck ist zu einem weltweiten Gesundheitsproblem geworden. Wie konnte dies geschehen? Mediziner forschen doch seit Jahrzehnten zu diesem Thema.

Es stimmt: Wir befassen uns seit Jahren mit der Erforschung des Herz-Kreislauf-Systems und den medizinischen Zusammenhängen von Bewegung, Gesundheit und Bluthochdruck. Auch die Bedeutung unserer genetischen Erbanlagen wird immer wichtiger. Die Antwort allerdings liegt in unserer evolutionären Entwicklung: Wir Menschen sind auf Salz, Fett und Zucker fokussiert. Fett gab unseren Vorfahren Reserven für schlechte Zeiten, Zucker schnelle Energie in Gefahrensituationen und Salz ist für den Blutkreislauf essenziell. Wir leben bis heute mit diesem System, das auf ein Leben und Überleben als Jäger und Sammler ausgerichtet ist. Allerdings passt das überhaupt nicht mehr in unsere moderne Welt, in der die Hälfte aller Menschen in Städten leben und wir uns viel zu wenig bewegen. Wir nehmen heute deutlich mehr Salz, Zucker und Fett zu uns, als wir verbrauchen. Das treibt den Blutdruck in die Höhe. An den Folgeerkrankungen sterben jedes Jahr Millionen Menschen.

Die genaue Wechselwirkung von Bluthochdruck und Salz ist bis heute ein Geheimnis für die Wissenschaft: Warum treibt Salz bei dem einen den Blutdruck in die Höhe, bei dem anderen nicht?

Auch hier kommt die Antwort aus der Evolution: Beim Gang an Land, vor etwa 400 Millionen Jahren, als Amphibien, Reptilien und später auch unsere näheren Vorfahren entstanden, entwickelte sich ein Organ, dessen Konstruktionspläne auch heute noch den Blutdruck regulieren: Das Filterorgan Niere. Es sorgt dafür, dass überschüssiges Salz mit dem Urin aus dem Körper geschwemmt wird. Unsere Zellen sind aber bis heute an die Konzentration der Salze im Ur-Ozean angepasst. Unablässig befördern kleine Pumpen auf der Zellmembran Salze nach innen und wieder hinaus. Das  wird durch unsere Gene geregelt, die aber bei jedem Menschen ein wenig anders sind. Darum reagieren die einen mehr und die anderen weniger empfindlich auf Salz.

Wie kann man einen so individuellen Zusammenhang eindeutig erforschen?

Die einfachste Methode besteht darin, einer Gruppe von Menschen Salz zu essen zu geben und dann den Blutdruck zu messen. Bei den salzempfindlichen Menschen steigt er an, bei den unempfindlichen bleibt er normal. Wenn man jetzt die Gene untersucht, findet man Veränderungen in der salzempfindlichen Gruppe – diese Gene müssen verantwortlich sein für den Anstieg des Blutdrucks. Bluthochdruck und Salzempfindlichkeit sind also zum Teil über die Gene vererbbar. Das kann man heute in der Forschung gut nachvollziehen.

Das klingt relativ einfach. Ist ein Durchbruch im Kampf gegen Bluthochdruck in Sicht?

Der Ansatz mag einfach klingen, die Forschung an diesem Thema ist allerdings hochkomplex. Obwohl es schon viele gute Ergebnisse und hervorragende Medikamente gibt, sollte man sich nicht auf eine medizinische Lösung verlassen. Viel wichtiger ist, dass wir noch mehr an der Aufklärung der Menschen arbeiten, denn Bluthochdruck und seinen Folgen kann hervorragend vorgebeugt werden: Selber Blutdruck messen und bei Werten deutlich über 140/90 mmHg zum Arzt gehen, mehr auf gesunde Ernährung achten und sich mehr bewegen. Anstatt zu warten, bis wir krank werden um dann zum Arzt zu gehen, sollten wir es lieber gar nicht erst so weit kommen lassen. Das ist nicht nur gesünder, sondern macht das Leben auch deutlich lebenswerter!

(Quelle: World Health Summit)
www.worldhealthsummit.org

Vom 11. – 13. Oktober 2015 findet der siebte World Health Summit im Auswärtigen Amt in Berlin statt. Er steht unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident François Hollande und dem Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker.

Experten aus über 80 Ländern werden Themen des G7 Gipfels im Juni in Elmau fortsetzen und auf die United Nations Climate Change Conference (COP 21) im Dezember  in Paris vorbereiten. Bestätigte Sprecher sind unter anderem die Nobelpreisträger Ada Yonath (2009, Israel) und Thomas C. Südhof (2013, Deutschland), sowie Debra Jones (USA), Direktorin und UN Repräsentantin von Save the Children.

Nicht alle Patienten profitieren von einer Änderung ihres Lebensstiles

Diabetes Typ 2: Nicht alle Patienten profitieren von Lebensstiländerung

Berlin, Mai 2015 –In Deutschland sind mehr als sechs Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, die meisten davon an Diabetes Typ 2. Jedes Jahr kommen etwa 270 000 Neuerkrankungen hinzu. In vielen Fällen helfen Bewegung, Ernährungsumstellung und Gewichtsabnahme, um das Risiko für Diabetes Typ 2 zu senken. Doch neuere Untersuchungen zeigen: Nicht jeder profitiert gleich stark von einer Veränderung des Lebensstils. Das Tübinger-Lebensstil-Interventionsprogramm (TULIP) und die darauf basierende deutschlandweite Prädiabetes-Lebensstil-Interventionsstudie (PLIS) des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) untersuchen, warum manche Menschen zum Beispiel trotz Gewichtsabnahme und sogar bei Normalgewicht an Diabetes Typ 2 erkranken. Genetische Faktoren sowie der Anteil des Bauch- und Leberfetts scheinen hierbei eine besondere Rolle zu spielen.

Diabetes zählt zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. Über 90 Prozent der Betroffenen hat einen Diabetes Typ 2, der durch mangelnde Bewegung und kalorienreiche Ernährung sowie Übergewicht begünstigt wird. Bislang war die moderate Umstellung des Lebensstils zu kalorienärmerer Ernährung, Sport und Gewichtsabnahme die erfolgversprechendste Methode, die Stoffwechsellage zu verbessern und Folgeerkrankungen vorzubeugen. „Doch die Studien zeigen auch, dass diese Methode nicht bei jedem Teilnehmer gleich effektiv ist“, erklärt Professor Dr. med. Norbert Stefan, Kongresspräsident des Diabetes Kongresses 2015. „Untersuchungen zufolge müssen sieben Personen mit einer Vorstufe des Diabetes über einen Behandlungszeitraum von drei Jahren solch eine Lebensstilintervention vornehmen, damit bei einer Person ein Diabetes tatsächlich verhindert werden kann.“

Im Tübinger Lebensstil-Interventions-Programm (TULIP) untersuchen Norbert Stefan und seine Kollegen, warum manche Patienten weniger stark oder auch gar nicht auf die Veränderung der Lebensgewohnheiten ansprechen. „Hierbei stellten wir fest, dass das Diabetesrisiko durch eine Änderung der Lebensgewohnheiten nicht immer sinkt“, führt Stefan, Leiter der Abteilung Klinisch-experimentelle Diabetologie der Medizinischen Klinik IV des Universitätsklinikums Tübingen, aus. Die Experten vermuten, dass genetische Variationen, welche die Insulinwirkung und die Insulinproduktion beeinflussen, der Grund für die unterschiedlichen Erfolge bei den Patienten sind. Beispielsweise steht ein Rezeptor des Fettgewebshormons Adiponektin im Fokus. Das Protein und Hepatokin Fetuin-A, das bei Fettleber vermehrt ausgeschüttet wird, spielt offensichtlich ebenso eine bedeutende Rolle. Denn es senkt die Insulinwirkung in den Körperzellen und steigert die Produktion von Entzündungsstoffen. „Diese sogenannten Biomarker können wir künftig eventuell dafür nutzen, das persönliche Diabetesrisiko besser vorherzusagen und zu ermitteln, welche Patienten von einer Umstellung des Lebensstils tatsächlich profitieren“, prognostiziert Stefan. Mit diesen Erkenntnissen könnte eventuell auch der Zusammenhang zwischen Fettleber, Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauferkrankungen aufgedeckt werden.

Die neue Volkskrankheit

Chronische Nasennebenhöhlenentzündung

Mehr als zehn Prozent der Deutschen leiden unter einer chronischen Rhinosinusitis. Diese auf den ersten Blick harmlos wirkende Erkrankung belästigt den Patienten durch chronischen Schnupfen, Sekret, das den Rachen hinunterläuft, Kopfschmerzen und Riechstörungen. International erlangt die chronische Rhinosinusitis deutlich mehr Aufmerksamkeit als in Deutschland, weil die individuelle Belastung des Patienten deutlich über diese körperlichen Symptome hinausgeht, weil weitere Erkrankungen in ihrer Entstehung begünstigt werden. So erkranken Patienten mit einer chronischen Rhinosinusitis deutlich häufiger an Lungenerkrankungen, wie Asthma bronchiale und COPD, nach
internationalen Daten haben sie aber auch ein erhöhtes Risiko, an Schlaganfall, Übergewicht oder einer Depression zu erkranken. Insgesamt sind dabei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen.
Scheinbar sind bestimmte Berufsgruppen, wie Feuerwehrleute und Flugbegleiter, besonders gefährdet, an einer chronischen Rhinosinusitis zu erkranken.

Patienten, die an einem der oben genannten Symptome leiden, sind aufgerufen, einen HNO-Arzt aufzusuchen. Dieser kann durch eine Endoskopie der Nase verschiedene Unterformen der chronischen
Rhinosinusitis unterscheiden, beraten und eine spezifische Therapie einleiten. Diese ist häufig bereits konservativ erfolgreich, bei Versagen besteht aber auch die Option einer operativen Therapie. In
Deutschland wurden allein im Jahr 2009 mehr als 50 000 Prozeduren an Patienten im Bereich der Nasennebenhöhlen wegen einer chronischen Rhinosinusitis durchgeführt. Entsprechend ist diese
Erkrankung auch für unser Gesundheitssystem mit enormen Kosten verbunden.

Für die USA, in denen etwa 12 Prozent der Bevölkerung an der chronischen Rhinosinusitis leiden, wurden direkte Kosten der chronischen Rhinosinusitis bereits 1996 auf 4,5 Milliarden US-Dollar
geschätzt. Dabei erfolgen konstant seit Jahren mehr als zehn Millionen Arztkontakte pro Jahr (oder 1,3 Prozent aller Arztkontakte) nur aufgrund dieser Erkrankung.

Dieses enorme gesundheitspolitische Problem wurde in Korea erkannt und durch repräsentative Untersuchungen der Bevölkerung angegangen. Dabei zeigte sich zwischen 1996 und 2008 eine
Zunahme der chronischen Rhinosinusitis von 1,01 Prozent auf 7,12 Prozent. „Auch wenn dieser dramatische Anstieg teilweise auch durch Verbesserungen der Untersuchungstechnik erklärt werden
kann, sollte er Anlass sein, sich auch in Deutschland wissenschaftlich mehr mit der chronischen Rhinosinusitis zu beschäftigen“, führt PD Dr. med. habil. Achim G. Beule, Geschäftsführender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf-und Halschirurgie der
Universitätsmedizin Greifswald weiter aus.

Im Rahmen einer großen europäischen Untersuchung berichten in der Region Duisburg 14,1 Prozent und in Brandenburg 6,9 Prozent der Befragten Beschwerden, die als typisch für eine chronische
Rhinosinusitis gelten. Bei Befragung der Ärzte wurde die Häufigkeit dieser Erkrankung mit 8,4 Prozent (Duisburg) beziehungsweise 4,6 Prozent (Brandenburg) deutlich unterschätzt. „Die Ursachen für diese Unterschiede können sowohl in der industriellen Ausrichtung in der Region des Niederrheins und Ruhrgebietes liegen, wie in günstigen Nachwirkungen der deutschen Teilung“, stellt Beule dar.
„Andererseits muss auch an die Möglichkeit eines erschwerten Zuganges des Patienten zum HNO-Arzt, gerade in ländlichen Regionen, gedacht werden.“

 

Die Wiederentdeckung des freien Willens

SELBSTSTEUERUNG

Das große Sachbuch dieses Frühjahrs: Wie wir die Macht über unser Leben zurückgewinnen.

Selbststeuerung von Joachim BauerHöre auf deinen Bauch, folge deinen Gefühlen, vertraue auf deine Impulse. So der Tenor, in dem uns wissenschaftliche Bücher in den letzten Jahren darauf eingeschworen haben, unserem rationalen, abwägenden Denken nicht mehr die Bedeutung beizumessen, die ihm gebührt.

Joachim Bauers Selbststeuerung ist der lange überfällige Aufruf dazu, unsere auf Autopilot fahrenden Verhaltensweisen als das zu sehen, was sie sind: kurzsichtig und fehleranfällig. Studien zeigen: Seine Impulse kontrollieren und vorübergehende Anstrengungen auf sich nehmen zu können ist nicht nur die unabdingbare Voraussetzung für langfristige persönliche Erfolge und gute soziale Beziehungen. Die Fähigkeit zur Selbststeuerung schützt vor allem auch die Gesundheit, und erkrankten Menschen kann sie ein Heilmittel sein. Anstatt ständig den Reizen der Außenwelt zu folgen, sollten wir selbst entscheiden. Der freie Wille ist zurück, und das ist gut so.

Wissenschafts-Bestsellerautor Joachim Bauer erläutert in seinem neuesten Buch die aktuellen Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen zu diesem Thema. Er zeigt, was diese unmittelbar für jeden Einzelnen bedeuten und welche Konsequenzen für die Psychologie, die Bildungs- oder die Gesundheitspolitik daraus zu ziehen sind. Soweit der Verlag zum Buch.

Gestern Abend (7. Mai 2015) kamen rd. 500 Menschen in Freiburg zur Lesung Bauers aus seinem neuen Buch. In gewohnt charmanter Art gab Bauer Informationen und Unterhaltsames aus seinen Forschungsergebnissen wieder. Es war ihm wohl ein großes Anliegen auf die Entwicklung von Säuglingen zum eigenen Ich einzugehen. Er klärte auf, dass Säuglinge sich erst über den wiederkehrenden Kontakt zu ihren Bezugspersonen zum eigene Ich in Verbindung mit dem Du entwickeln. Bauer richtete fast mahnende Worte an Eltern, dass sie ihre Säuglinge nicht in die Obhut von Krippen geben sollen, die einen viel zu kleinen Personalschlüssel haben, weil sich dann die Erzieherinnen nicht ausreichend um die einzelnen Babys kümmern können. Die Folgen sind für die Säuglinge oft von großer Tragweite in ihrem späteren Leben.

Selbststeuerung heißt auch Eigenverantwortung übernehmen. Wir sind durchaus dafür verantwortlich, wenn wir durch schlechte Angewohnheiten uns Krankheitsrisiken aussetzen, die wir bei gesunder Lebensweise hätten verhindern können. Rauchen, ständiger Alkohol- und Fleischkonsum zählen mit zu den gefährlichsten Krebsauslösern unserer Zeit. Dennoch werden sie noch immer von sehr vielen Menschen als wenig bis unproblematisch eingestuft. Verzicht mit Blick auf einen späteren viel größeren Genuss oder Erfolg zu üben, ist einzig und alleine Sache unserer Selbststeuerung. Wir entscheiden, ob wir uns dem kurzfristigen Genuss mit all seinen möglichen Spätfolgen hingeben wollen.

Trotz des einen oder anderen wissenschaftlichen Diskurses ist das neue Buch von Joachim Bauer auch für Laien sehr lesenswert.

 

Kurzvita

Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut und lehrt an der Universität Freiburg. Für seine Forschungsarbeiten erhielt er 1996 den renommierten Organon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie. Er veröffentlichte zahlreiche Sachbücher, unter anderem Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern, Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone sowie Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Zuletzt erschienen bei Blessing Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt (2011) und der SPIEGEL-Bestseller Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht (2013).

Urteilsverkündung im Transplantationsprozess

Stellungnahme der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) e.V. zur Urteilsverkündung im sog. Transplantationsprozess am Landgericht in Göttingen

Das Landgericht Göttingen hat heute den früheren Leiter der Transplantationschirurgie
der Universitätsmedizin Göttingen von den Vorwürfen des versuchten Totschlages in elf
Fällen sowie der vorsätzlichen Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen
freigesprochen.

Im Prozess beriefen sich der Angeklagte und dessen Verteidiger auf die ärztliche
Therapiefreiheit und begründeten ein Übertreten bestehender Richtlinien der
Bundesärztekammer zur Transplantationsmedizin mit dem Ziel schwerkranken Patienten
eine lebensrettende Transplantation zukommen lassen zu können. Vorwürfe einer
fehlenden Indikation zur Operation und einer mangelnden Aufklärung der Patienten
über Risiken einer Transplantation wurde durch ein Verweisen auf eine Zuständigkeit von
Ärzten anderer Fachdisziplinen entgegnet.

Die juristischen Befassungen und Konsequenzen dieser Fälle kann die Deutsche
Transplantationsgesellschaft (DTG) als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft
und ohne genaue Prüfung der schriftlichen Urteilsbegründung nicht abschließend
bewerten, folgende Anmerkungen sind jedoch dringlich geboten:

– Prof. Björn Nashan, Präsident der DTG, erklärt, dass die DTG ohne jede Einschränkung
zu den bestehenden Vorgaben und Regelungen in der Transplantationsmedizin
insbesondere durch das deutsche Transplantationsgesetz und die entsprechenden
Richtlinien der Bundesärztekammer steht.

– Auch die Transplantationsmedizin ist einem stetigen Wandel unterworfen, vor allem
durch das Gewinnen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und retrospektive

Auswertung von Behandlungsprinzipien, wie Prof. Bernhard Banas, President Elect der
DTG, erläutert. Dies führt dazu, dass bestehende Regelungen angepasst werden
müssen, um im gesamten Prozess von der Organspende bis zum Langzeiterfolg einer
Transplantation bessere Ergebnisse erzielen zu können. Hierfür gibt es transparente,
etablierte und kontrollierte Wege, in die alle beteiligten Institutionen,
Fachgesellschaften und -verbände, die Auftraggeber im Gesundheitswesen, alle
zuständigen Behörden und nicht zuletzt Patientenvertreter und die Öffentlichkeit
eingebunden sind. Für ein willentliches oder gar systematisch-vorsätzliches Verstoßen
Einzelner gegen das Transplantationsgesetz und gegen die Richtlinien der
Bundesärztekammer hat die DTG keinerlei Verständnis.

– Prof. Christian Hugo, Generalsekretär der DTG, weist daraufhin, dass es leider bisher
noch weithin unbekannt ist, dass nach Bekanntwerden von Fehlverhalten in der
Transplantationsmedizin weitreichende Änderungen im Transplantationsgesetz und in
den Richtlinien zur Transplantation erfolgten: Das in fast allen Transplantationszentren
schon immer übliche interdisziplinäre Mehraugenprinzip wurde festgeschrieben, um
eine gegenseitige ärztliche Kontrolle und eine vollumfängliche Patientenaufklärung und
-betreuung noch besser gewährleisten zu können. Regelverstöße haben mittlerweile
klar definierte, strafrechtliche Konsequenzen. Dem Ruf nach einer besseren staatlichen
Kontrolle der Transplantationsmedizin wurde bereits Rechnung getragen, in dem alle
Richtlinienänderungen erst nach Prüfung und Genehmigung des Bundesministeriums für
Gesundheit in Kraft treten können.

Wie schon unmittelbar nach dem Bekanntwerden von Manipulationen und
Fehlverhalten in der Transplantationsmedizin distanziert sich die DTG erneut auf das
Schärfste von solchem Tun. Dies ist sowohl in der Satzung als auch dem
Fachgesellschafts-eigenen Transplantationskodex unmissverständlich nachzulesen. Dass
in der Folge von Manipulation und Fehlverhalten das Transplantationswesen insgesamt
in Misskredit geriet und dass durch einen weiteren Rückgang der Organspende
betroffenen Patienten nicht mit einer lebensrettenden Transplantation geholfen werden
konnte, bedauert der Vorstand der DTG zutiefst.

Hintergrundinformation zur Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) e.V.:

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) e.V. ist die fachübergreifende
Vertretung von über 700 Ärzten und anderen Personen, die sich in Deutschland
organisatorisch, klinisch und wissenschaftlich für die Förderung der Organspende und
der Transplantationsmedizin einsetzen. Die DTG ist nicht nur als wissenschaftliche
Gesellschaft in der Transplantationsmedizin anerkannt, sondern hat auch beratende
Funktionen in der Interaktion mit Institutionen wie der Bundesärztekammer, der
Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und der Stiftung Eurotransplant
übernommen. Zudem beteiligt sich die DTG an den Aufgaben der
sektorenübergreifenden Qualitätssicherung in der Medizin. Die DTG setzt sich für die
Transparenz in der Transplantationsmedizin ein.

Seelenscherben – Wenn die Normalität zerbricht

 Seelenscherben  - Wenn die Normalität zerbrichtDie unfassbare Tat eines Piloten, der 149 Menschen mit in den Tod riss, löst in der Presse eine Debatte über Schuld aus. Kann man einen psychisch kranken Menschen für seine Tat verantwortlich machen? Anneli Tiirik, die durch den Absturz der German Wings Maschine die Liebe ihres Lebens verloren hat, tut es nicht. Sie sagt: „Ich kann niemanden dafür hassen, dass er krank ist“.

Wer solche Fragen aufschlussreich und ohne Wertung beantwortet ist der erfahrene Münchner Psychotherapeut und Notfallpsychologe Werner Dopfer in seinem Buch SEELENSCHERBEN – Wenn die Normalität zerbricht. In authentischen Geschichten erzählt er aus seinem Praxisalltag: Ein Polizist findet nach einem Flugzeugabsturz die unversehrte Leiche eines Mädchens und wird dadurch schwer traumatisiert, ein Mann verliert die Selbstkontrolle und löst eine Beziehungstragödie aus. Der Unfalltod der Zwillingsschwester führt eine Frau in den Burnout.

Dopfer berichtet von den inneren Kämpfern und Konflikten seiner Patienten. Er erzählt aber auch von  Therapie-Grenzen, wenn es bei Extremfällen nicht gelingt, die Scherben der Seele wieder zusammen-zufügen, sondern die Psyche letztendlich kollabiert.

Werner Dopfer, Jahrgang 1963, aufgewachsen in Südafrika und Namibia, hat in München Psychologie studiert. Seit über 20 Jahren praktiziert er als Psychotherapeut, Managementberater und Supervisor. Darüber hinaus ist er als Notfallpsychologe für Kriseneinsätze ausgebildet. Sein erstes Buch „Mut, Moral und Menschlichkeit. Führung ohne Selbstbetrug“ ist 2011 erschienen. Werner Dopfer lebt in München.

 Seelenscherben  – Wenn die Normalität zerbricht

Werner Dopfer, Originalausgabe, 233 Seiten, Quality Paperback, € (D) 12,99 / € (A) 13,40/(sFr) 19,50*, ISBN: 978-3-426- 30064-0

Die Abwehr muss stimmen: Beteiligung an internationaler Immunschwäche-Woche

Universitätsklinikum Freiburg engagiert sich bei der „Weltwoche angeborene Immunschwäche“ / Unterstützung durch Fußballspielerinnen des SC Freiburg

Das Centrum für Chronische Immundefizienz (CCI) des Universitätsklinikums Freiburg engagiert sich bei der Weltwoche angeborene Immunschwäche, die von 22. bis 29. April stattfindet. Am Freitag, 29. April von 11 bis 15 Uhr informieren Mitarbeiter des CCI in der Kaiser-Joseph-Straße in der Freiburger Innenstadt über das Immunsystem, woran man angeborene Immunschwächekrankheiten erkennen kann und welche Wege der Hilfe es gibt. Unterstützt werden sie dabei von zwei Abwehrspielerinnen des SC Freiburg, Kim Fellhauer und Jenista Clark, die von 14 bis 15 Uhr Autogramme geben. Interessierte Besucher des Stands können außerdem an einem Ballonwettbewerb und einem Preisausschreiben teilnehmen und Gutscheine für Kino und Freizeitpark gewinnen. Ziel der Weltwoche angeborenen Immunschwäche ist es, auf Herausforderungen und Erfolge im Kampf gegen Immunschwächekrankheiten aufmerksam zu machen.

Eines von 5.000 Kindern in Deutschland kommt mit einer Immunschwäche auf die Welt. Hartnäckige oder ungewöhnliche Infektionen, Fieberschübe, unklare Entzündungen oder Milz- und Lymphdrüsenschwellungen können Anzeichen für eine Immunschwäche sein. Da jede der mehr als 250 verschiedenen angeborenen Erkrankungen sehr selten auftritt, erhält nur jedes fünfte betroffene Kind rechtzeitig die richtige Diagnose und in der Folge die passende Therapie. „Wenn wir den Immundefekt eingeordnet haben, können wir relativ genau abschätzen, für welche Infektionen ein besonderes Risiko besteht. Dann kann man gezielt mit Medikamenten vorbeugen oder abwägen, ob Therapien wie Stammzelltransplantationen in Frage kommen“, sagt Prof. Dr. Stephan Ehl, Medizinischer Direktor des CCI.

Das Centrum für Chronische Immundefizienz (CCI) des Universitätsklinikums Freiburg, ist ein integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum, das seit 2008 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Als nationales Referenzzentrum für Immundefekte widmet sich das CCI neben der Behandlung von Patienten auch der Erforschung des Immunsystems. „Das Besondere am CCI ist das altersübergreifende Behandlungskonzept und die fachübergreifende Arbeitsweise: Kinderärzte und Internisten, Spezialisten für das Abwehrsystem, für Infektionserkrankungen, für Bluterkrankungen und Knochenmarktransplantationen, Mediziner und Biologen arbeiten in einer eigenständigen Einrichtung zusammen“, sagt Prof. Dr. Bodo Grimbacher, Wissenschaftlicher Direktor des CCI. Am CCI werden jährlich etwa 1600 Patienten beraten und behandelt.

Arzttermine vereinbaren die Deutschen lieber offline

Dass Ärzte ihren Patienten die Möglichkeit bieten, Termine auch über die Webseite der Praxis zu vereinbaren, ist mittlerweile nicht mehr unüblich. Indes scheinen viele Europäer in dieser Hinsicht mit dem Internet noch zu fremdeln. Laut einer von Eurostat veröffentlichten Umfrage gaben 2014 gerade einmal sechs Prozent der Deutschen an, bereits einen Termin mit einem Arzt/Ärztin online vereinbart zu haben. EU-weit sind es zehn Prozent. Deutlich weniger Berührungsängste haben Patienten in Skandinavien, so haben 32 Prozent der Dänen schonmal einen Arzttermine online vereinbart. Allerdings geht es auch noch deutlich skeptischer: Bei den Griechen sind es lediglich zwei Prozent.
Infografik: Arzttermine vereinbaren die Deutschen lieber offline | Statista

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Innere Medizin während der Zeit des Nationalsozialismus

Ausstellung zur Rolle der DGIM im „Dritten Reich“

Nach dem Krieg konnten einzelne Ärzte aus den Reihen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) wieder weitgehend unbehelligt praktizieren, obwohl sie sich in der NS-Zeit schuldig gemacht hatten. Dies ist eines der Ergebnisse der Unter-suchungen der DGIM zu ihrer Vergangenheit. Mit der Rolle der Fachgesellschaft, ihrer Akteure und Mitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus befasst sich eine Ausstellung anlässlich des 121. Internistenkongresses in Mannheim.
Seit 2012 erforschen Historiker des Medizinhistorischen Instituts in Bonn systematisch die Geschichte der DGIM in der Zeit des Nationalsozialismus. Der bevorstehende Internistenkongress bietet Besuchern Einblick in erste Ergebnisse der Nach- forschungen. „Das ist ein wichtiger und notwendiger Schritt für die Fachgesellschaft“, so Generalsekretär Professor Dr. med. Dr. h. c. Ulrich R. Fölsch aus Kiel. „Denn die geschichtliche Aufarbeitung erinnert nicht nur an Geschehenes, sie schärft auch den Blick auf die Gegenwart und ruft ins Bewusstsein, wozu Menschen in der Lage sind.“ Die Ausstellung dokumentiert Schicksale verfolgter Mitglieder der DGIM und Oppositioneller. Sie belegt auch Medizinverbrechen, an denen Ärzte aus den Reihen der Fachgesellschaft beteiligt waren, und stellt den Verlauf der Internistenkongresse während der Diktatur dar.
Diese Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sieht die DGIM als ihre Aufgabe. „Die Ausstellung soll Denkanstöße geben, aber auch uns Ärzte mahnen, die Errungen- schaften einer demokratischen, offenen Gesellschaft entschlossen zu verteidigen und sich an ihrer Weiterentwicklung aktiv zu beteiligen“, betont Professor Dr. med. Michael Hallek, Präsident der DGIM aus Köln.
Die DGIM selbst besitzt nur noch wenige Dokumente aus der Zeit des
Nationalsozialismus. Daher waren aufwendige Recherchearbeiten notwendig –
unter anderem im Bundesarchiv Berlin, in Bibliotheksarchiven und den Beständen der Deutschen Forschungsgemeinschaft –, um auf Informationen zur Vergangenheit der Fachgesellschaft und ihrer Mitglieder zu stoßen. Erste Ergebnisse zeigt der 121. Internistenkongress jetzt vorab: Schautafeln, ein Film, eine Kunstinstallation und Vitrinen erwarten die Besucher und veranschaulichen, welche Erkenntnisse die beiden Historiker Privatdozent Dr. phil. Ralf Forsbach und Professor Dr. phil. Hans-Georg Hofer bisher gewinnen konnten. „Breiteren Raum nimmt dabei auch das Schicksal von Leopold Lichtwitz ein, dem als Jude zu Beginn der NS-Zeit der DGIM-Vorsitz aberkannt wurde“,
erläutert Forsbach. Zu dessen Ehren rief die DGIM im Jahr 2013 ihre größte Aus- zeichnung ins Leben, die Leopold-Lichtwitz-Medaille. Dabei recherchieren die Historiker auch zu Ärzten aus den Reihen der DGIM, die sich schuldig gemacht haben. „Einige konnten bald nach dem Krieg wieder praktizieren oder gelangten sogar auf Lehrstühle. Andere zerbrachen an ihrem Schicksal und nahmen sich das Leben. Wieder andere wurden gerichtlich belangt“, erläutert Forsbach. Für 2018 plant die Fachgesellschaft eine umfangreiche wissenschaftliche Monografie zu dem Thema.

Krankheitserfahrungen teilen

Ein Internetportal startet die neuen Module Brust- und Prostatakrebs und testet ein weiteres zum Thema Darmkrebs

ScreenshotErfahrungsberichte, Information, Unterstützung: Die kostenlose Internetseite „krankheitserfahrungen.de“ bietet zwei neue Module zu den Themen Brust- und Prostatakrebs. In Audio-, Video- oder Textdateien berichten Betroffene über ihren Alltag mit der Krankheit sowie ihre Erfahrungen mit Behandlungen und Nebenwirkungen. Zudem vermittelt das Portal Informationen zu Diagnose, Therapie und Unterstützungsmöglichkeiten. Krankheitserfahrungen.de richtet sich darüber hinaus an medizinisches Personal, das die Einblicke in Patientenerfahrungen zu Fort- und Weiterbildungszwecken nutzen kann. Weitere Angebote gibt es bereits zu den Themen chronischer Schmerz, Diabetes, Epilepsie und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für Psychologie der Universität Freiburg und vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Göttingen betreuen die Internetseite.
Ein weiteres Modul zum Thema Darmkrebs ist derzeit in Planung. Vor dem Start des Moduls soll eine Online-Studie Aufschluss darüber geben, inwieweit das Portal Patientinnen und Patienten den Umgang mit der Erkrankung erleichtern kann. An der Studie teilnehmen können Patienten, die entweder innerhalb der vergangenen drei Jahre erstmals an Darmkrebs erkrankt oder von Metastasen oder Rückfällen betroffen sind. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beantworten in einem Zeitraum von sechs Wochen Fragebögen am Computer. Außerdem haben sie zwei Wochen lang Zugang zu  dem noch nicht freigeschalteten Modul mit Erfahrungsberichten anderer Betroffener und Informationen zum Thema Darmkrebs. Ein Team von der Berlin School of Public Health der Charité – Universitätsmedizin Berlin  unter der Leitung von Dr. Christine Holmberg hat das Projekt in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe DIPEXGermany am Institut für Psychologie der Universität Freiburg um Prof. Dr. Gabriele Lucius-Hoene entwickelt.


Links:

www.krankheitserfahrungen.de
www.darmkrebsstudie-charite.de

Das Internetportal kann Menschen helfen, ihre Krankheit besser zu verstehen. Man sollte es sich aber sehr gut überlegen, ob man die eigene Krankheitsgeschichte mit vollem Namen im Internet veröffentlichen möchte. Vor allem jüngere Menschen sollten da vorsichtig sein. Arbeitgeber, aber auch Versicherungen informieren sich auf solchen Websites auch.